FamilienbrauchenvorallemZeitzurEntlastungimAlltag!

04.02.2009
Peggy Szymenderski
Anlässlich der Podiumsdiskussion „Familienfreundlichkeit: Was brauchen Familien heute?“, die am 03.02.2009 stattfand, teilt Peggy Szymenderski, Vorsitzende der ASF, mit:


Chemnitz zählt zu den familienfreundlichsten Städten in Deutschland und es gibt bereits viele gute Maßnahmen, die Familien mit Kindern unterstützen und entlasten. Damit die Familien ihre Leistungen für die Gesellschaft erbringen können, brauchen sie neben monetären und infrastrukturellen Hilfen jedoch vor allem auch zeitliche Ressourcen, denn das Familienleben ist oft durch Zeitknappheit und Zeitnot geprägt. Zeitpolitik muss ein wichtiger Pfeiler sein. Das meint, dass eine Passgenauigkeit von lokalen und familialen Zeiten hergestellt werden muss. Bei der Arbeitszeitgestaltung müssen familiale Zeitstrukturen ebenso Berücksichtigung finden. Neben einer Zeitpolitik im Alltag braucht es auch eine Zeitpolitik in Bezug auf den Lebenslauf. Gerade in der Familiengründungsphase verdichten sich die Anforderungen der Arbeitswelt, sich beruflich zu etablieren. In der so genannten „rush hour of life“ konkurrieren die zeitlichen Anforderungen der Erwerbswelt und die beruflichen Ambitionen von jungen Frauen und Männern mit der Verwirklichung persönlicher Vorhaben, Familie und Kindern. Diese zeitliche Verdichtung muss entzerrt werden durch Lebenslaufmodelle, die weniger stark institutionell reguliert sind. Bspw. könnte mit einem Optionszeitenmodell das Gesamtarbeitsvolumen über die Lebenszeit neu geregelt werden. Dazu kann man an der Verteilung der sozialversicherungstechnisch notwendigen Arbeitsjahre drehen, über die üblichen Rentengrenzen hinaus. Die neu gewonnenen Zeitspielräume im Lebenslauf können dann genutzt werden für Bildung, zivilgesellschaftliches Engagement, Betreuung von Familienmitgliedern oder als Rekreationszeit nach besonders beanspruchenden Lebensphasen. Männer und Frauen müssen alltäglich wie auch biographisch ihr Familienleben selbstbestimmt mitgestalten können.
Dazu sollte die Kommune in Dialog mit Behörden und Unternehmen treten, um tatsächliche Entlastungen für Familien im Alltag zu schaffen. Dazu ist es zu allererst notwendig, dass erwerbstätige Mütter und Väter als ArbeitnehmerInnen in Fürsorgezusammenhängen und nicht als Einzelpersonen wahrgenommen werden, die neben der Erwerbsarbeit auch familiale Aufgaben und Verpflichtungen erfüllen müssen. Neben dem Anstoß von Leitbilddiskussionen wurden in der Diskussion auch ganz konkrete Ansatzpunkte diskutiert – bspw. die betriebliche Kinderbetreuung sowie Belegplätze von Unternehmen in Kitas als nützliche Entlastung. Auch die Pflege älterer Familienangehöriger ist ein immer wichtiger werdendes zu diskutierendes Vereinbarkeitsproblem. Zur Bewältigung bürokratischer Hürden wurde auch die Einführung von „Begrüßungspaketen“ diskutiert, die an die Eltern bei der Geburt des ersten Kindes verteilt werden. Junge Eltern wissen oft nicht, was als erstes getan werden muss, welche Behörden zuständig und welche entsprechenden Formulare auszufüllen sind. Ein dazugehöriger Konsumgutschein für den kommunalen Einzelhandel kann die Kaufkraft der jungen Eltern steigern.
Oftmals sind familienfreundliche Maßnahmen zu wenig sichtbar. Als wünschenswert wurde daher eine größere Transparenz familiennaher Unterstützungs- und Dienstleistungen angesehen. Insgesamt ist wichtig, dass familienfreundliche Maßnahmen nicht nur bloßer Imagefaktor für die Kommune und Unternehmen sind – sie haben sich vom „weichen“ zum „harten“ Standortfaktor gewandelt –, sondern diese den Familien tatsächlich entgegenkommen. Zudem muss Familienfreundlichkeit ein ressortübergreifenden Thema und Leitbild im Handeln aller kommunalen Akteure sein. Familienpolitik muss mit Arbeitsmarkt-, Sozial-, Bildungs- und Stadtentwicklungspolitik systematisch kooperieren. Schließlich muss ein familienfreundliches Chemnitz Perspektiven für die jungen Menschen und damit für die Stadt von morgen schaffen. Das heißt vor allem junge Menschen darin zu unterstützen, dass ihnen der Start in die eigene berufliche Zukunft gelingt und damit das Abwandern von jungen Männern und Frauen reduziert wird. Die demografische und wirtschaftliche Situation in Verbindung mit den Angeboten an qualifizierten Fachkräften in Chemnitz ist nach wie vor eher unbefriedigend.
Die Podiumsdiskussion hat insgesamt gezeigt, dass Bund, Land und Kommune nur gemeinsam geeignete Entlastungen für Mütter und Väter schaffen können und dass nur Verbundmaßnahmen wirken, d. h. sowohl eine ausreichende finanzielle Unterstützung als auch der Umbau und Ausbau von Infrastruktur und Zeitpolitik.