Rede von Dr. Christoph Gericke anlässlich der Einweihung des Denksteins am 07. Oktober 2011
10.10.2011
sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin Ludwig,
es ist für mich eine große Ehre, heute zu Ihnen anlässlich der Einweihung des Denksteins zur Erinnerung an die Ereignisse der friedlichen Revolution im Jahr 1989 in dieser Stadt ein Grußwort sprechen zu dürfen, auch deshalb, weil ich noch einer von 3 Stadträten bin, die seit 1990 ununterbrochen die selbstverwaltenden Geschicke der Stadt Chemnitz mitgestalten können.
Dem Stadtrat war es vor etwa einem Jahr eine Selbstverständlichkeit, den Beschluss zur Errichtung dieses Denksteins - einstimmig - zu fassen. Unser besonderer Dank gilt dem diese Erinnerungsstele - ein aufgebrochener Stein - gestaltenden Chemnitzer Künstler, Herrn Steffen Vollmer, sowie vor allem dem unmittelbaren Zeitzeugen und Mitinitiator des Projektes, Herrn Hartwig Albiro, vor 22 Jahren Schauspieldirektor hier in Chemnitz.
Wir sind uns bewusst, dass die friedliche Revolution im Herbst 1989 auch in Chemnitz die „Inititialzündung" dafür war, die Voraussetzungen für ein vielfältigeres, chancengleicheres, möglichst selbst bestimmtes Leben zu schaffen.
Und dieser Ort auf dem Luxor-Vorplatz kann für die Aufstellung des Denksteins nicht besser gewählt sein, symbolisiert er doch diese Zeit des Aufbruches: von hier aus nahm der beredte Schweigemarsch mehrerer Hundert Menschen, die unter Inkaufnahme von Gefahr ihre Angst überwanden und letztlich ihre Sprachlosigkeit wiederfanden, seinen Anfang. Plötzlich fielen in den nächsten Tagen und Wochen für unüberwindbar gehaltene Mauern ...
Neue Möglichkeiten und Wege - auch Gefährdungen in einer offenen Gesellschaft - eröffneten sich. Eine ungeheure Kundgebungs- und Diskussionsintensität erfasste die Menschen, aufbauend auf dem Gefühl grenzenloser Freiheit.
Manche damals gezeigte Losungen brachten auf den Punkt, warum man sich jetzt engagieren wollte. Für mich war es eine Inschrift mit weißer Kalkfarbe auf einer Bretterwand: „Nie wieder Lügen, freie Wahlen ...".
Dass zumindest ersteres ein stetig hoher Anspruch auch „in der Zeit danach" ist, kam mir damals nicht in den Sinn.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
wir Stadträte sind uns auch bewusst, dass wir als gewählte Bürgervertreter auf Zeit mit öffentlichem Gestaltungsauftrag nur Glieder einer Kette sind.
Eine offene Gesellschaft lebt aber und wird zusammengehalten durch Gemeinsinn und das Engagement vieler. Hierzu möchten wir die Chemnitzerinnen und Chemnitzer ausdrücklich ermutigen. Nehmen Sie teil am Leben in Sport- und Kulturvereinen oder in Jugendclubs, in Arbeitsgemeinschaften von Schulen und unserer Uni, engagieren Sie sich bei Freien Trägern der Sozialarbeit, zu denen auch kirchliche Einrichtungen gehören, bestimmen Sie mit in Kita's und Berufsverbänden, diskutieren Sie mit - auch in demokratischen Parteien.
Möge in diesem Sinn dieser Denkstein Stein des Anstoßes in unserer Stadt Chemnitz werden.
Dr. Christoph Gericke
Stadtrat
